Wir brauchen neue Konzepte für eine digitale Innenstadt

Es ist an der Zeit um über Innenstädte zu sprechen. Die vergangenen Jahre und nicht zuletzt die Coronapandemie haben zu einer Verödung der Stadtkerne geführt, die kaum mehr zurückzudrehen ist und die eine gesellschaftliche Diskussion darüber längst überfällig machen. Doch wie kam es zum breitflächigen Sterben der Innenstadt? Wo stehen wir aktuell? Und wie könnten Szenarien für eine belebte Innenstadt im Jahr 2030 aussehen? Das bespreche ich am 27. November auf der diesjährigen Digital Retail Conference des Bitkom. Auf dem Panel „Zeit zu handeln: Wie funktioniert die Digitalisierung der Innenstädte?“ treffen sich Dr. Kirstin Pukall, Leiterin des Referats Handel und Werbewirtschaft im BMWi und Dr. Jan Fritz Rettberg, Leitung Chief Information, Innovation Office, Geschäftsführung Allianz Smart City Dortmund und ich.

Die beschleunigte Transformation – leere Cities

Wer Fotos von deutschen Innenstädten im Jahr 2020 mit denen aus dem Jahr 1960 vergleicht, dem werden vermutlich in erster Linie die damals üblichen Brauntöne auf Fotos auffallen. Gegebenenfalls wird man auf heutigen Bildern auch mehr Autos finden. Eines allerdings hat sich kurioserweise nicht geändert: Das Straßenbild. Damals wie heute steht Kaufhaus neben Restaurant neben Kleidungsladen neben Buchhandlung. Keine Innovation. Kein neues Konzept, trotz massiver Umbrüche, insbesondere durch die Digitalisierung.

Der Digital Consumer Index von Euromonitor International zeigt, dass die Digitalisierung in Deutschland bis zum Ausbruch der Coronapandemie vergleichsweise langsam voranschritt. Die Krise hat nun zu einem entscheidenden Schub geführt, der die massive Beschleunigung von Änderungsprozessen im Einzelhandel in Gang gesetzt hat. Neben dem sprunghaften Anstieg des Onlinehandels in sämtlichen Produktbereichen beinhaltet dies auch nachhaltig veränderte Kundenerwartungen, die in Innenstädten immer seltener erfüllt werden. Sinnbildlich für diesen Wandel steht der Niedergang der großen Kaufhausketten, die einst für die Vitalität der Innenstädte standen, da auch umliegende Restaurants, Kleidungsläden oder Buchhandlungen profitierten.

Gleichzeitig scheinen die Konzepte zur Frequenzsteigerung in den Fußgängerzonen, sofern es denn welche gibt, bisher nicht zu funktionieren. Das ist ein Problem, da leere Innenstädte nicht nur den Einzelhandel und die Gastronomie treffen. Kommunen fehlen wichtige Gewerbeeinnahmen, fehlende Begegnungspunkte in der Stadt sind ein Einschnitt in das kulturelle Leben und steigende Arbeitslosenzahlen in diesem Sektor haben auch volkswirtschaftliche Auswirkungen. Daher wäre es verkehrt, beim Thema „sterbende Innenstädte“ nur den Einzelhandel zu betrachten.

Wie eine ehrliche Diskussion geführt werden muss

Vor diesem Hintergrund kann die Diskussion auf der Digital Retail Conference über die Digitalisierung der Innenstädte nicht die finale Lösung, sehr wohl jedoch Kick-Off für eine breite, gesellschaftliche Debatte sein. Das Ziel muss sein, ergebnisoffen die Situation zu analysieren und ohne Denkverbote kreative Ideen für die Zukunft der Cities zu erarbeiten. In der gesellschaftlichen Debatte wie auch auf dem Panel wird es um die einzelnen Facetten der Innenstadtverödung gehen: Eigentlich gehen deutsche Konsumenten häufig und gern ins stationäre Geschäft. Laut Euromonitor International werden im Jahr 2020 rund 85% des Handelsvolumens offline erwirtschaftet.

Große Player, die bislang ausschließlich online unterwegs waren, bauen in Städten ihre ersten stationären Geschäfte, drängen also auf den Markt, oft mit innovativen Konzepten. Das sollten eigentlich ideale Voraussetzungen für den lokalen Handel sein. Warum also können Innenstädte davon nicht profitieren?

Die zweite, folgerichtige Frage muss lauten, wie Innenstädte nach den Ladenschließungen aussehen könnten. Wir brauchen Konzepte, die on- und offline zusammenbringen. Euromonitor International hebt in der Analyse zu Commerce 2040 hervor, dass die Digitalisierung für den stationären Handel, trotz disruptiver Folgen des wachsenden Onlinehandels, die Möglichkeit bietet, die Alleinstellungsmerkmale des stationären Handels entscheidend aufzuwerten. Insbesondere in Bezug auf das Einkaufserlebnis und die Personalisierung haben digitale Innovationen das Potenzial, Kunden wieder vermehrt in die Innenstädte zu locken. Zudem müssen sich Gewerbetreibende in der Innenstadt viel stärker vernetzen als bisher und gemeinsame Angebote schaffen, die Personen einladen. Es braucht Kreativität und Mut, über eine Innenstadt nachzudenken, die nicht von Bekleidungsläden dominiert wird, sondern andere kulturelle Angebote Platz finden. Nur wenn wir diese Diskussionen führen, können wir dafür sorgen, dass wir auf Fotos in 60 Jahren nicht Innenstädte finden, in der das wichtigste fehlt: Die Menschen. Es wird also eine spannende, zukunftsorientierte Diskussion auf der Digital Retail Conference mit den Panelisten und ZuschauerInnen. Weitere Informationen gibt es hier.